Jahresberichte
Jahresbericht 2008
Obwohl wir das Jahr 2008 vornehmlich für interne Diskussionsprozesse nutzten, konnten wir doch einige Veranstaltungen organisieren und Aktivitäten verbuchen, über die wir im Folgenden berichten. Rückblickend fällt auf, dass wir zwar ein recht breites Spektrum an Themen in unserer Stiftungsarbeit abdecken, aber dennoch bestimmte Themen kontinuierlich weiterführen. Der Umbau des Sozialstaats, die Migrationspolitik, der Neoliberalismus, die Militarisierung unserer Gesellschaft und die Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus sind Themen, die uns seit Jahren begleiten. Selbst wenn wir dieses Jahr keine Neuauflage unserer Veranstaltungsreihe »Wilde Wisionen verzweifelt gesucht« wollten, schwang die Frage danach, in welcher Gesellschaft wir leben wollen, bei allen unseren Aktivitäten mit.

Neben der thematischen Kontinuität freut es uns, dass wir inzwischen auf langjährige Kooperationen mit anderen Gruppen und Vereinen zurückblicken können. Als Beispiel seien hier die Dortmunder Forschungsgruppe »Workfare State«, die Kölner »Zahltag!-Initiativen, das Gen-Archiv Essen, die Bundeskoordination Internationalismus (Hamburg), der Essener Verein Theorie und Praxis sowie die diversen Wuppertaler Initiativen genannt. Intensiviert haben wir 2008 den Kontakt zur Kölner Feministin und Globalisierungsgegnerin Maria Mies, mit der wir uns zweimal zu anregenden Gesprächen trafen und die wir im November zu einer Diskussion nach Wuppertal einladen konnten.

Nach wie vor wird die praktische Arbeit der Stiftung durch eine recht kleine Gruppe von sechs Personen getragen. Der Zuspruch auf unserer jährlichen Stiftungsversammlung am 10. Dezember 2008 zeigte uns aber, dass wir bei Bedarf auf weitere UnterstützerInnen zurückgreifen können. Die ehrenamtlich arbeitende Gruppe wird von einer Teilzeitkraft (5 Std./Woche) unterstützt, die die verwaltungstechnischen und organisatorischen Aufgaben bündelt, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit organisiert und für die Aktualisierung der Webseite sorgt. Seit Anfang 2008 haben wir für unsere Sitzungen eigene Räumlichkeiten unter unserer Postadresse zur Verfügung, welche zudem über eine große Schaufensterfläche verfügen.

1. Themenschwerpunkt »Kritik von Hartz IV«
Seit Oktober 2006 organisieren wir zusammen mit der Forschungsgruppe »Workfare State« der Fachhochschule Dortmund Workshops und Kongresse zu den Auswirkungen der Hartz IV-Gesetzgebung und insbesondere der sogenannten Ein-Euro-Jobs. In diesem Jahr blickten wir im Rahmen der Tagung »Workfare – ein Standortfaktor für Europa?« über den nationalen Tellerrand und konnten ca. 50 Aktivisten und Wissenschaftler aus den Niederlanden (Fe Jusay, Henk Spies), Großbritannien (Anne Gray, Sarah Kavanagh), Dänemark (Erling Frederiksen) und Deutschland zusammenbringen. Die KongressteilnehmerInnen analysierten und diskutierten Gemeinsamkeiten und Unterschiede der nationalstaatlichen Workfare-Programme und berichteten von den gewerkschaftlichen und nicht-gewerkschaftlichen Organisierungsversuchen gegen die Zumutungen »aktivierender Arbeitsmarktpolitik«. Die Teilnehmenden waren sich darin einig, dass der Austausch über nationalstaatliche Grenzen hinweg dringend notwendig sei und nutzten die Konferenz für erste Netzwerkkontakte. Die Tagung wurde von der Rosa-Luxemburg-Stiftung (Berlin) und ver.di (Dortmund) unterstützt. Eine Dokumentation erscheint als Band 3 der Reihe »Workfare Dienstpflicht Hausarbeit« im Frühjahr 2009 und ist dann auf der Webseite der Stiftung W. abrufbar.
Bereits seit 2007 machen engagierte Menschen gemeinsam mit selbst- und unorganisierten Erwerbslosen in Köln durch die Aktion »Zahltag!« von sich Reden, in deren Verlauf unterschiedliche ARGE- bzw. Jobcenter-Standorte in ihrem Arbeitsalltag unterbrochen werden und mannigfaltige Hilfestellungen für Ratsuchende angeboten werden. In der ersten Dezemberwoche 2008 fand die vierte Kölner »Zahltag!«-Aktion statt und hatte als wesentliches Anliegen das gemeinsame Erstreiten von Arbeitslosengeld durch Beratung und begleitenden Beistand. Darüber hinaus begreift sich »Zahltag!« als politische Aktion, die die soziale Frage nach einer anderen, nach einer besseren Gesellschaft stellt. In die Vorbereitung waren einzelne Mitglieder des Stiftungsrates involviert. Mit einer Spende in Höhe von 1.350,- Euro unterstützte die Stiftung W. die Initiative »Kölner Erwerbslose in Aktion – Die KEAs e.V.«, um deren Engagement in der Organisation von »Zahltag! XXL« zu würdigen. Weitere Infos zu »Zahltag!« unter: http://zahltag-jetzt.org.

2. Veranstaltungen
Als letzte Veranstaltung unserer Reihe »Wilde Wisionen verzweifelt gesucht 3.0« kamen ca. 30 Experten, Aktivisten und Interessierte zu einem ganztägigen Workshop zu »Analyse, Diskussion und Alternativen gegenwärtiger Asyl- und Migrationspolitik« zusammen, den wir in Zusammenarbeit mit ProAsyl e.V. organisiert hatten. Im Rahmen der analytischen Einordnung gab Volker Maria Hügel (Münster) in seinem Referat einen ausführlichen Überblick über die Geschichte der gesetzlichen Bestimmungen zur Migrationspolitik, während Annette Massmann (Bochum) die Gründe weltweiter Migrationsbewegungen darstellte. In Bezug auf die Möglichkeiten praktischer Solidarität formulierte Claudius Voigt (Münster) einen Diskussionsbeitrag zu den Möglichkeiten und Grenzen der alltäglichen Unterstützungsarbeit, während Tobias Pieper (Berlin) sich mit der Alltagstauglichkeit der politischen Forderung »Grenzen auf für alle!« auseinandersetzte. Aufgrund der fundierten Referate entwickelte sich unter den Workshop-Teilnehmern eine gehaltvolle und abwägende Diskussion, die gleichwohl deutlich machte, dass die Organisation von Unterstützungsarbeit nicht als Blaupause entworfen werden kann, sondern sich stets in der Praxis wandeln und (neu) definieren muss.
In Zusammenarbeit mit der VHS Bochum und dem Genarchiv Essen haben wir eine dreigliedrige Veranstaltungsreihe organisiert, die sich am Beispiel der aktuellen Diskussion über die sogenannte Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs kritisch mit den Diskursen medizinischer Forschung und der Funktionsweise unseres Gesundheitssystems auseinandersetzte. Unter dem Titel »Impfung gegen Krebs!« berichteten die Ärztinnen Cornelia Baumgart und Beate Zimmermann vom Genarchiv Essen am 12.02.2008 zunächst über die HPV-Impfung, während Anke Steckelberg von der Universität Hamburg am 26.02.2008 grundsätzlicher über die Aussagefähigkeit medizinischer Studien referierte. Schließlich beleuchtete Monika Feuerlein (Gen-ethi­scher Informationsdienst, Berlin) am 11.03.2008 die Praxis der medizinischen Feldversuche in der sogenannten Dritten Welt am Beispiel von Costa Rica. 
Der Hafenstadtteil Duisburg-Ruhrort ist nicht das aufstrebende Wohn- und Freizeit-Viertel am Duisburger Innenhafen. Er liegt inmitten des größten Binnenhafens der Welt und beherbergt die international erfolgreichen Großunternehmen Duisburger Hafen AG und Haniel AG. Architektonisch sind die Spuren des Lebens am Hafen und des dabei erwirtschafteten Reichtums hier noch gegenwärtig. Ökonomisch scheint Ruhrort jedoch inzwischen von der Hafenentwicklung abgekoppelt: Während der Warenumschlag im Hafen seit Jahren steigt, geht er im Stadtteil augenscheinlich zurück. Der erste Blick trifft heute vornehmlich auf Verfall, leerstehende Ladenlokale und soziale Tristesse. Wie lebt es sich mit solchen Gegensätzen? Was ist hier beispielhaft über den Zusammenhang von ökonomischer Entwicklung und gesellschaftlichem wie individuellem Leben zu erfahren? Als Teil des Gesamtprojekts »Zum Beispiel Ruhrort…« führten wir zusammen mit dem Essener Verein Theorie und Praxis e.V. eine Gesprächs- und Vortragsreihe durch, die den Austausch zwischen den in Ruhrort lebenden und arbeitenden Menschen, den »Experten vor Ort«, mit auswärtigen ReferentInnen organisierte. Mehr Infos zum Projekt finden sich unter: http://ruhrortresearch.wordpress.com.
In Kooperation mit dem Verein zur Geschichte der Sozialen Bewegungen im Wuppertal e.V. und Spurensuche NS-Geschichte in Wuppertal e.V. gedachten wir im Rahmen einer Buchvorstellung und Feierstunde des 63. Jahrestages der Befreiung Wuppertals von Faschismus und Krieg. Auf der Veranstaltung wurde die deutsche Übersetzung des niederländischen Jugendromans »Gestohlene Jugend« vorgestellt, in der die Deportation eines niederländischen Jungens zur Zwangsarbeit nach Wuppertal im Oktober 1944 beschrieben wird. Hierzu waren ehemalige niederländische Zwangsarbeiter eingeladen. Darüber hinaus berichteten Angehörige der US-Army, die an der Befreiung des Bergischen Landes beteiligt waren, und Veteranen der Roten Armee, welche in der jüdischen Kultusgemeinde Wuppertal organisiert sind, von ihren Erlebnissen während der letzte Kriegstage.
Wer wohnt wo unter welchen Bedingungen? Wer entscheidet über zentrale Fragen der Stadtentwicklung? Wem gehört die Stadt? Diese und andere Fragen beantwortete der Stadtsoziologe Andrej Holm (Frankfurt) auf einer Diskussionsveranstaltung vor ca. 35 ZuhörerInnen. Die plastische Darstellung der historischen und aktuellen Tendenzen von Stadtentwicklung, die selten an den Bedürfnissen der StadtbewohnerInnen ausgerichtet ist, lieferte eine Menge Diskussionsstoff. In der Debatte gelang es, konkrete Bezüge zur Situation in Wuppertal herzustellen und Möglichkeiten der Mitbestimmung und Wiederaneignung auszuloten.
Als im Herbst 2008 die Finanzkrise von sich reden machte, überraschte politisch interessierte Zeitgenossen nicht so sehr, dass es sie gab, sondern wie schnell und in welcher Höhe »Rettungspakete« geschnürt und »Schutzschirme« gespannt wurden. Allerorts die gleiche Leier: Die Lage sei ernst, aber nicht hoffnungslos. Also: Fehler erkennen, korrigieren und weiter so wie bisher! Grund genug, in einer Veranstaltung grundsätzlich über Alternativen zur staatlichen Regulierung der Finanzmärkte nachzudenken. Mario Candeias, Referent für Gesellschaftsanalyse bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung (Berlin), beleuchtete in seinem Vortrag das aktuelle staatliche Krisenmanagement und kontrastierte es mit den Eckpunkten einer »radikalen Realpolitik«. Die Feministin und Globalisierungsgegnerin Maria Mies (Köln) kritisierte anschließend das vorherrschende Industriemodell des unendlichen Wirtschaftswachstums und plädierte für ein anderes Gesellschaftsmodell, welches das »gute Leben« (wieder) ermöglicht. Unter den über 80 Teilnehmenden entwickelte sich eine lebhafte Debatte, die deutlich machte, dass die Frage, in welcher Gesellschaft wir leben wollen, aktueller ist denn je. Ebenso offenbar wurde aber auch,  dass eine Verständigung über die Eckpunkte einer neuen gesellschaftlichen Ordnung und die Schritte dorthin erst am Anfang steht.  

3. Externe Förderungen / Unterstützungen
Zum 31. Mal konnte in diesem Jahr die Bundeskoordination Internationalismus (BUKO), in der wir Mitglied sind, ihren Jahreskongress veranstalten. Unter dem Titel »Dabei sein ist alles?« hatte er »Kämpfe um Selbstbestimmung und gegen globale Ausschlüsse« zum Thema. Über das konkrete Thema hinausgehend war der Kongress abermals Treffpunkt für Hunderte politisch interessierte und engagierte Menschen und bot Gelegenheit für viele weiterführende Kontakte. Der Kongress wurde von uns besucht und mit 3.000,- Euro an den Trägerverein der BUKO, den Verein zur Förderung entwicklungspolitischer Zusammenarbeit e.V., unterstützt. Weitere Infos zum Kongress und der Bundeskoordination Internationalismus unter: www.buko.info.
Eine Provinzposse aus Wuppertal nötigte uns, einen Offenen Brief an den hiesigen Oberbürgermeister, Herrn Jung (CDU), zu richten. Dieser hatte eine ihm nicht genehme Ausstellung des Netzwerks »BürgerInnen beobachten die Polizei« mit dem Titel »Vom Polizeigriff zum Übergriff« kurzerhand nach dem ersten Tag geschlossen. Da die Ausstellung im städtischen Haus der Jugend angesiedelt war, glaubte er von seinem Hausrecht Gebrauch machen zu können. Ganz unabhängig vom Inhalt der Ausstellung, die wir nicht mehr die Chance hatten zu sehen, empörten wir uns über die mangelnde Diskussionskultur und das obrigkeitsstaatliche Verhalten des Wuppertaler Oberbürgermeisters.

Der Provokation der rechtsradikalen Organisation ProKöln, einen sogenannten Anti-Islamierungs-Kongress mit den führenden Politikern der europäischen Ultra-Rechten abzuhalten, begegneten wir mit der Unterzeichnung des Aufrufs des »Bündnisses gegen Pro Köln«, welcher die Verhinderung des Kongresses zum Ziel hatte. Der Protest des breiten Bündnisses war erfolgreich und verhinderte in der Tat die Durchführung des Kongresses, sodass der vorgesehene Kongresstag für ProKöln in einem Desaster endete.   


4. Ausblick

Obwohl die Planungen für das Jahr 2009 noch in den Anfängen stecken, stehen einige Aktivitäten schon fest. Ende Februar werden wir uns mit einer Abendveranstaltung an dem Wuppertaler Kongress »60 Jahre NATO – ein Grund zum Feiern?« beteiligen. Dort laden wir ein zum Thema: »Ich kann doch da nicht einfach zusehen...« und thematisieren die Schwierigkeiten einer antimilitaristischen Positionierung angesichts eines westlichen schlechten Gewissen einerseits und der Unaushaltbarkeit zunehmender Militarisierung andererseits. Im Frühjahr werden wir mit dem österreichischen Publizisten und Ökologen Andreas Exner in einem Workshop die Frage vertiefen, welcher Art die Krise ist, die mit dem Wort des Jahres »Finanzkrise« in aller Munde ist. Hier wird es erneut darum gehen, in einen fruchtbaren und solidarischen Austausch zu kommen, was die Bedingungen einer lebenswerten Gesellschaft wären. Für Ende 2009 planen wir, eine Ausstellung des Rheinischen Journalistenbüros (Köln) zur »Rolle der Dritten Welt im Zweiten Weltkrieg« nach Wuppertal zu holen und ein ansprechendes Rahmenprogramm zu organisieren.

Wuppertal, 31.12.2008

Der Jahresbericht der Stiftung W. kann hier als pdf heruntergeladen werden.


 

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