Alte Feuerwache
Wuppertal
19.30 Uhr
Eintritt frei!

Die gegenwärtige ökonomische und soziale Entsicherung sowie der zunehmende Abbau materieller, sozialer und politischer (Selbstbestimmungs) Rechte scheinen lautstarke Proteste und ein Sich-zur-Wehr-Setzen zurzeit dringend erforderlich zu machen. Dennoch entfalten »alte« Politikformen wie Streiks und Demonstrationen weder massenhafte Mobilisierungskräfte noch große politische Wirksamkeiten und Erfolge. Gleichzeitig scheint es keine »großen«, schlagkräftigen und als solche erkennbaren sozialen Bewegungen mehr zu geben. Dass dies mit dem Verlust eindeutiger, »unverlierbarer« und gemeinschaftsstiftender Identitäten (»wir ArbeiterInnen«, »wir Frauen«, »wir Schwulen«, »wir Linken« etc.) und den aus diesen abgeleiteten festen Welt- und Lebensentwürfen, politischen Forderungen, Botschaften und Organisierungsstrukturen zu tun haben könnte, wollen wir zur Diskussion stellen.
Es ist allerdings die Frage, ob das tatsächlich nur ein Verlust ist, oder ob diese Entwicklung nicht jenseits der bisherigen, festgefügten Selbstentwürfe und Utopien auch etwas ermöglichen könnte: etwas, das mehr auf »Affinität«, auf selbstgewählte und möglicherweise nur zeitweise Gemeinsamkeiten, als auf »Identität« beruht; etwas, das zeitlich begrenzte Solidaritäten und Verbundenheiten ernster nimmt und andere Wisionen denkbar werden lässt, etwas, das Probleme anders definiert und flexible Aktionsformen entwickelt. Auch darüber wollen wir auf der Veranstaltung diskutieren.
Und: Welche Bedeutung kommt hier der allumfassenden Prekarisierung zu? Bedeutet und bewirkt sie ausschließlich eine existentielle Verunsicherung, einen Verlust an Selbstbewusstsein, die Verunmöglichung eigener Lebensentwürfe, Gefühle der Ohnmacht und Hilflosigkeit? Oder liegen hier auch neue politische und soziale Denk- und Handlungsmöglichkeiten, veränderte Möglichkeiten zur Umdeutung gesellschaftlicher Zuweisungen und zur Zurückweisung vermeintlich notwendiger Zumutungen? Bieten die veränderten Bedingungen auch eine Chance, um gemeinsam und in Verschiedenheit nach neuen leb- und wandelbaren Alternativen zu suchen?
Wie können altbekannte Formen politischer Aktion wiederbelebt, ergänzt oder verändert werden? Welche neuen Möglichkeiten für Träume und politisches Handeln bieten die scheinbar so verunsicherte Gegenwart und unsichere Zukunft? Reicht es aus, die gegenwärtigen Disziplinierungs- und Selbstzurichtungsmechanismen sowie einen Mangel an sozialen Bewegungen festzustellen, oder lassen sich Zeiten umfassender Verunsicherung und der dazugehörigen Wut nicht auch dazu nutzen, die Leerstellen und Brüche aufzufinden, die jenseits konkreter Utopien, kollektiver Identitätsmodelle und alter Enttäuschungen ein entschlossenes »Vielleicht« wieder möglich machen?
Die Referenten:
Marc Amann ist Psychologe und politisch-aktivistischer Puppenspieler aus Tübingen. Er ist Herausgeber des Buches »go.stop.act! Die Kunst des kreativen Straßenprotests«.
Sebastian Haunss ist Politikwissenschaftler und lebt in Hamburg. Er arbeitet zu sozialen Bewegungen, insbesondere zu Prozessen kollektiver Identität, zu bewegungsinternen Entscheidungsprozessen und zu visuellen Formen der Bewegungskommunikation.
Weitere Informationen unter: www.wildewisionen.de
Der Redetext von Marc Amann kann hier heruntergeladen werden.

