Alte Feuerwache Wuppertal
10.00 - 18.00 Uhr
Ängste sind Schmierstoff und Zurichtungsinstrumente herrschaftlicher Gesellschaften, Wegbereiter des Sicherheitsstaates, Drohwerkzeuge politischer Strategen und Demagogen, Solidaritätskiller, Förderer von Autoritätshörigkeit, Rassismus, religiösem Wahn und Gewalt. Ihre Verantwortlichkeit für die weltweiten Irrationalitäten und ihr Einfluss auf unser Handeln sind enorm. Sie existieren in unendlich vielen Formen: als Existenzängste, Konkurrenz- und Versagensängste, Ängste vor Arbeitsplatzverlust und dauerhafter Arbeitslosigkeit, Ängste vor sozialem Abstieg und Verlust des Ansehens, Ängste vor sozialen Beziehungen und vor Einsamkeit, Ängste vor dem und den »Fremden«, Ängste vor Krankheiten, Ängste vor wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Katastrophen, Ängste vor Terror.
Ängste beginnen sich immer dann inflationär auszubreiten, wenn den Menschen die sozialen, ökologischen, politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse zunehmend bedrohlich erscheinen und sich Entwicklungen nachvollziehbaren Analysen entziehen. Ängste rauben uns nicht nur die Lebensperspektiven, sondern auch die Handlungsfähigkeit. Denn: Wer Angst hat, muckt nicht auf, meidet systemkritische Menschen, ist bis zur Selbstaufgabe anpassungsfähig und opferbereit sowie stets darum bemüht, unauffällig und gut zu funktionieren.
Befeuert werden unsere Ängste inzwischen von einem boomenden angstproduzierenden Gewerbe, das »Sicherheit« beständig neu definiert und für alle Lebenslagen immer neue Schutzbedürfnisse weckt, um uns schließlich in einer allumfassenden Intervention unter einem Mega-Airbag zu begraben. Hier haben sich die Linke und die mit ihr verbundenen neuen sozialen Bewegungen vornehmlich an die eigenen Nasen zu fassen. Sie spielten zuweilen vortrefflich auf der Klaviatur der Angst und malten die Zukunft in den düstersten Farben. Aktuelle Nutznießer sind ein Großteil der weltweit agierenden Nichtregierungsorganisationen, die sich als wahre Meister der Panikproduktion präsentieren. Ganz gleich also ob links oder rechts, ob grün oder neoliberal: die Propheten des Untergangs unterscheiden sich in Bezug auf ihre Angstpolitiken kaum voneinander. Das mitunter zynische und stets doppelbödige Spiel mit der Angst und dem Versprechen von Sicherheit ist längst ein zentrales Merkmal unseres politischen Alltags geworden.
Auf unserem Tagesworkshop wollen wir den Strukturen und Wirkmechanismen der Angstgesellschaft auf den Grund gehen und Perspektiven für eine »Politik jenseits der Angst« ausloten. Dabei sollen unter anderem die folgenden Fragen erörtert werden: Können wir der vorstehenden Zustandsbeschreibung zustimmen? Wie entwickelt sich die Kultur der Angst? Wo wuchert sie als Selbstläufer und wo wird sie interessengeleitet gepflegt und befördert? Welche Bedeutung kommt der Angst als gesellschaftliches Regulativ tatsächlich zu? Was erleben wir ganz persönlich an uns und in unserem Familien- und Freundeskreis? Wie erkennen wir die vielfältigen angstgesteuerten Zurichtungen in unserem Leben und mit welchen Mitteln können wir uns von ihnen befreien? Wie kann eine emanzipative »Politik jenseits der Angst« aussehen?
Renate Hölzer-Hasselberg ist Psychotherapeutin und praktiziert in Hamburg. Sie führt Entwicklungsbegleitungen für Menschen und Organisationen durch.
Klaus Ronneberger ist Stadtsoziologe, war langjähriger Mitarbeiter am Institut für Sozialforschung in Frankfurt und arbeitet heute als »Freelancer«.
Tobias Singelnstein ist kritischer Kriminologe und lebt in Berlin. Zusammen mit Peer Stolle hat er 2006 das Buch »Die Sicherheitsgesellschaft. Soziale Kontrolle im 21. Jahrhundert« veröffentlicht.
Das Programm des Workshops kann hier heruntergeladen werden.
Wegbeschreibung und Infos: www.wildewisionen.de

