Alte Feuerwache Wuppertal
ReferentInnen: Katharina Pühl, Basel | Volker Eick, Berlin
Dass sich das Lebensgefühl und die Zukunftsperspektiven der Einzelnen in den letzten Jahren radikal verändert haben, bemerken wir wohl alle. Ob bei der (weiteren) Kürzung von Sozialleistungen, beim ALG2-Kontrollbesuch oder bei der x-ten unbezahlten Überstunde: Stets wird die Drohung transportiert, bei mangelnder »Leistungs- und Integrationsbereitschaft« und ungenügender »Eigenverantwortung« möglicherweise demnächst sehr hart auf dem »Boden der Realität« zu landen. Dieser Drohung kann sich zurzeit kaum jemand entziehen.
Die in diesem Zusammenhang konstruierten Bedrohungsszenarien sind vielfältig: Vermeintlich umstellt von »Sozialschmarotzern«, von »Bootsflüchtlingen« und »Kofferbombern« einerseits und andererseits unter Zugzwang gesetzt von unzähligen Diskursen über leere Staatskassen, poröse Grenzen und uneffektive Sicherheitssysteme, geht es jetzt für die zivile Gesellschaft und jedeN EinzelneN darum, die eigene Pole-Position täglich neu zu erkämpfen und zu verteidigen.
Im Namen der Angst vor einer unsicheren und bedrohten Zukunft wird nicht nur auf Urlaub und Freizeit verzichtet, auf den faulen Nachbarn geschimpft, werden Selbstauskünfte erteilt und Anpassungsleistungen erbracht, wird hier und da auch denunziert und die eigene Zeit bis ins letzte »vernünftig« verplant, wird im Privaten vorgesorgt und im Öffentlichen missgönnt. In jedem Fall aber wird, so läßt man uns wissen, allerorts nach »Sicherheit« und Ordnung gerufen.
Der Staat sowie zunehmend kommerzielle und »zivilgesellschaftliche« Akteure lohnen diese Selbstzurichtungen und Selbstüberwachungen der Einzelnen mit »Kontrolle light«: Ein Netz aus Polizei, Ordnungsamtsangestellten, privaten Sicherheitsdiensten, Rail-Marshals, Bürgerwehren und aufmerksamer Nachbarschaft soll die gewünschte »Sicherheit« vermitteln. Dafür soll teilweise auf Grundrechte verzichtet und eine allgegenwärtige Überwachung und Kontrolle in Kauf genommen werden. Wer dies nicht akzeptiert, so der öffentliche Diskurs, hat was zu verbergen. Und wer schon zuvor »seinen Beitrag« nicht geleistet hat, der soll froh sein, dass er nun für einen Euro mehr bei der Hand genommen wird und zur Sicherung öffentlicher Disziplin und Ordnung beitragen darf.
Aber: Lässt sich aus den veränderten Alltagsbedingungen tatsächlich nur ableiten, dass alles immer schlimmer wird? Oder lassen sich aus der gegenwärtigen Situation auch neue Möglichkeiten für politisches Handeln, für soziale Bewegungen und Alltagswiderstände gewinnen?
In unserer Veranstaltung wollen wir den Blick auf die aktuellen neoliberalen Kontrollformen und auf den Eigenanteil richten, den jedeR im Sinne der Selbstaktivierung darin leisten soll. Hierbei geht es uns nicht nur um die Beleuchtung der radikal veränderten Bedingungen von Alltag, Arbeit, Lebensplanung und möglicherweise politischer Aktivität, sondern auch darum, sich die Leerstellen und Brüche im scheinbar Alles und Alle erfassenden Kontroll- und Überwachungssystem anzuschauen. Wie können wir diese für eine veränderte und verändernde Weltwahrnehmung nutzen? Lassen sich die produzierten Leerstellen und Überschüsse in neue Formen widerständigen politischen Handelns verwandeln oder lassen sich zumindest bekannte Formen damit wiederbeleben? Setzen neue Lebensbedingungen nicht auch neue Bedingungen und Möglichkeiten von und für politische Forderungen und kollektives Handeln, für kleinere und größere Verweigerungen, für soziale Bewegungen und Träume frei?
Die ReferentInnen:
Katharina Pühl ist Sozialwissenschaftlerin und lebt in Basel. Sie arbeitet zu den Themen feministische Gesellschaftstheorie und Queer Theory, neue Regierungsformen sowie Subjektivierungsstrategien im Neoliberalismus.
Volker Eick ist Politikwissenschaftler und lebt in Berlin. Seine Forschungsschwerpunkte umfassen städtische Sicherheitsregime, kommerzielle Sicherheitsdienste, neue soziale Bewegungen und lokale Governance-Konzepte.
Weitere Informationen: www.wildewisionen.de

