Die Arbeit der Stiftung W. war 2010 durch zwei große Veranstaltungsreihen in der ersten Jahreshälfte geprägt, eine zum 50. Todestags Albert Camus und eine zur Rolle der Dritten Welt im Zweiten Weltkrieg. Neben der inhaltlichen Güte und dem außerordentlich hohen Publikumszuspruch, den beide Reihen erfuhren, war für die Stiftung W. von Bedeutung, dass beide Veranstaltungsreihen mit teils neuen Partnern geplant und durchgeführt wurden. Zudem beteiligten wir uns zum Jahresende an den Wuppertaler Lateinamerika-Tagen, welche federführend vom Informationsbüro Nicaragua e.V. mit verschiedenen Kooperationspartnern organisiert wurden. Bei allen drei Veranstaltungsreihen gelang durchweg die Verknüpfung und nicht nur Nebeneinanderstellung von Kultur und Politik. Vorträge, Diskussionsrunden und Ausstellungsführungen ergänzten sich mit Konzerten, Filmvorführungen und Fotopräsentationen, Schauspiel und szenischen Lesungen zu einer eindrucksvollen Melange.
Durch die Wahl sehr unterschiedlicher Veranstaltungsorte wie dem Wuppertaler Schauspielhaus, der City Kirche Elberfeld, dem »ort«, der Bergischen VHS, der Begegnungsstätte Alte Synagoge und der Offenen Tür Höhe konnte ein breites Publikum angesprochen werden, sodass sich viele Besucher auf unseren Veranstaltungen wiederfanden, die zuvor noch nicht mit der Stiftung W. in Kontakt gekommen waren. Durch 25 Führungen von Schulklassen durch die Ausstellung »Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg« konnten wir zudem mit der Gruppe der Schülerinnen und Schüler eine gänzlich neue Zielgruppe erschließen und mit ihr ins Gespräch kommen. In Verbindung mit der intensiven, zwischen den Partnern koordinierten Pressearbeit konnten wir insgesamt den Bekanntheitsgrad der Stiftung W. im regionalen Rahmen entscheidend steigern.
In Bezug auf alle drei Veranstaltungsreihen blicken wir auf rundum gelungene Kooperationen zurück, die es zukünftig gilt, mit weiteren gemeinsamen Aktionen und Veranstaltungen zu vertiefen.
1. Veranstaltungsreihen
Camus lebt! Internationale Albert-Camus-Tage Wuppertal
(Wuppertal | 15. – 24.01.2010)
Zum Anlass des 50. Todestages des Autors, Widerstandskämpfers und Nobelpreisträgers Albert Camus organisierten wir zusammen mit der Armin T. Wegner Gesellschaft und in Kooperation mit den Wuppertaler Bühnen, der Peter Kowald Gesellschaft, der Wuppertaler Initiative für Demokratie und Toleranz, der Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft und der Bergischen Universität vom 15. bis 24. Januar eine Veranstaltungsreihe mit Festivalcharakter, die weit über die Grenzen Wuppertals hinaus Aufmerksamkeit erregte.
Das Motto »Camus lebt!«, das im Vorfeld manchem als gewagt erschien, wurde durch überwältigendes Publikumsinteresse und besonders auch in aktuellen Themenschwerpunkten des Festivals voll bestätigt. Alle elf Veranstaltungen der sieben Festivaltage waren ausverkauft bzw. – wenn ohne Eintritt – überfüllt. Das Publikum umfasste alle Altersgruppen – darunter bei den Jugendlichen auch ganze Schulklassen oder -kurse. Für die Camus-Verfilmung »Die Pest« musste wegen des starken Publikumsandrangs kurzfristig eine zusätzliche Vorstellung organisiert werden. Es gab intensive Gespräche um die Bedeutung und um die Aktualität von Albert Camus sowie ein aktives Publikum, welches teilweise aus Bremen, Hannover, Münster, Frankfurt, Wiesbaden und Stuttgart angereist war.
In Wuppertal gibt es eine langjährige Tradition der Pflege vor allem des Dramatikers Albert Camus. Hier wurde bereits im Jahre 1947 die deutsche Erstaufführung von Camus' Schauspiel »Caligula« präsentiert. Die Veranstaltungen der jetzigen Camus-Tage fanden zu einem großen Teil im Wuppertaler Schauspielhaus statt. Das Theater erlebte eine Woche volles Haus und pralles Leben – während zugleich seine drohende Schließung bundesweit Schlagzeilen machte. Das Camus-Festival war so auch Teil des überörtlichen Widerstandes gegen kulturellen und sozialen Kahlschlag in den Kommunen, sodass die Westdeutsche Zeitung titelte: »Wuppertal feiert einen Rebellen – und protestiert!«
Die Wuppertaler Albert-Camus-Tage brachen in ihren Formen und Themen Schubladen auf, in denen Camus hierzulande allzu oft reduziert, vereinnahmt oder einfach »wegsortiert« wurde. Die Wuppertaler Albert-Camus-Tage stellten sich auf hohem Niveau, aber unakademisch der Beweglichkeit, welche dieser Autor als Essayist, als Dramatiker, als Denker und Aktivist verlangt, und erreichten sowohl »Experten« als auch einfach nur interessierte Menschen – insbesondere zahlreiche Camus-»Einsteiger«.
Camus' Impulse spiegeln sich in vielen heutigen Ideen, Lebenshaltungen und zivilgesellschaftlichen Bewegungen weltweit. Die Integrität und positive humane Kraft seines Denkens ist gefragt – angesichts von Bildungskrise, Turbokapitalismus, Entsolidarisierung, Rassismus, Terror und Gewalt. Camus' Revolte bedeutet nicht weniger als die (Wieder-) Herstellung der menschlichen Würde. Sie ist auch Erinnerung an Achtung, Liebe und Solidarität unter heillos scheinenden, absurden Umständen.
Auf dem Wuppertaler Camus-Festival war der spanische Philosoph Prof. Dr. Fernando Savater (Madrid) zu Gast und sprach über »Die Herausforderung von Terrorismus und Gewalt – Ethik nach Camus«. Savater bezog Passagen zu Mord und Selbstmord in Camus' »Der Mensch in der Revolte« auf gegenwärtige Erscheinungsformen des Terrors – und reflektierte mit Camus auch Formen des Staatsterrorismus. Im mehr als je aktuellen Gegenentwurf Camus' zeigte Savater, dass Gewalt prinzipiell nicht zu legitimieren ist – auch dann nicht, wenn sie Opfern von Unterdrückung »notwendig« erscheint. Der Publizist und Journalist Lou Marin (Marseille) belegte in seinem Vortrag »Ursprung der Revolte – Camus und der Anarchismus« die Nähe Camus' zum anarchistischen und syndikalistischen Milieu. In Wuppertal wurden von Lou Marin erstmals Auszüge aus Texten von Camus in deutscher Sprache vorgestellt, die als journalistische Beiträge in französischen libertären Zeitschriften erschienen, aber bis heute nicht in deutscher Sprache veröffentlicht wurden.
Die Philosophin und Journalistin Dr. Anne-Kathrin Reif (Wuppertal) hielt einen Vortrag zum Thema »Der unbekannte Camus – vom Absurden zur Liebe«. Sie zeigte in den Hauptwerken von Camus bislang unbeachtete und in seinen letzten Texten sowie Tagebuchaufzeichnungen immer deutlicher werdende Tendenzen des Autors, »eine andere Art von Liebe« zu suchen und Liebesmöglichkeiten aufzuspüren, die noch über die Solidarität hinausgehen. Wie Reif zeigte auch die Schauspielerin Ulrike Schloemer (Berlin) in der musikalischen Lesung »Vom Geist des Mittelmeeres« Camus als einen Suchenden in »Licht und Schatten«, als bescheidenen und zerbrechlichen, poetischen Zeugen gegen Aufgeblasenheit und Gewalt.
Camus lebt nicht, wenn die Revolte nicht auch das Ästhetische mit einbezieht. Das Festival machte das nicht nur in Lesungen erfahrbar, sondern auch in Skulptur, Zeichnungen und im Film. Viscontis »Der Fremde« mit Marcello Mastroianni war etwa in der einzig erhaltenen deutschsprachigen 35-mm-Rolle zu sehen – ein surrendes Kinoerlebnis wie zu Camus' Zeiten. Es gab darüber hinaus eigene Musikbeiträge zu Camus-Texten: So erklangen improvisierte Sounds aus dem Paris und New York der Fünfziger Jahre zu Camus' »Mythos des Sisyphos«. Aber auch ganz Neues, Unerhörtes wurde in Camus' Zusammenhang uraufgeführt: Eigens für das Festival war eine Komposition zu Camus' Nobelpreisrede entstanden. Andreas J. Leep (Bass) und Christian Stritzel (Theremin) präsentierten zu Camus' Originalstimme cool tanzende Klänge auf dem futuristischen Antenneninstrument Theremin in Begleitung eines Walking-Basses.
Camus selbst sah ausdrücklich nicht Parteien, sondern vor allem Einzelne sowie kleine, freiheitliche und selbstorganisierte Bewegungen, Kommunen und Gewerkschaften als Träger der Revolte, als gesellschaftliches Korrektiv und als Motor der Gesellschaft an. In diesem Sinne diskutierte in Wuppertal ein Forum der Basisinitiativen bestehend aus Vertretern von »Bundeswehr wegtreten«, von Nina Hagens und Pastor Karl Wilhelm ter Horsts »Initiative für Deserteure und traumatisierte Soldat/inn/en«, von attac und amnesty international, vom Bündnis »Wuppertal wehrt sich«, von der Initiative für Demokratie und Toleranz, von der Anti-Hartz IV-Initiative »Zahltag!« sowie von der Stiftung W. – ein gelungener Gesprächsanfang miteinander und mit dem Publikum.
Sämtliche Veranstaltungen der Internationalen Albert-Camus-Tage sind auf der Festival-Webseite www.camus-lebt.de dokumentiert. Hier finden sich auch das 20-seitige Programmheft, Redemanuskripte, ein umfassender Rückblick, Bilder und Presseartikel. Die Vorträge von Fernando Savater und Lou Marin sind zudem als Originalbeiträge in der Zeitschrift »Sozialwissenschaftliche Literatur Rundschau« (Heft 2_2010/Nr. 61) im Verlag Neue Praxis (http://www.verlag-neue-praxis.de) erschienen.
Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg. Koloniale Denkweisen früher und heute
(Wuppertal | 08.02. – 17.03.2010)
Vom 08.02. bis 17.03. präsentierte die Stiftung W. in Kooperation mit der Antirassistischen Initiative Wuppertal, der Wuppertaler Initiative für Demokratie und Toleranz und der Bergischen VHS die Ausstellung »Unsere Opfer zählen nicht – Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg« und begleitete sie mit einer umfangreichen Veranstaltungsreihe, in der es um koloniale Denkweisen früher und heute ging.
Millionen Soldaten aus Afrika, Asien und Ozeanien haben im Zweiten Weltkrieg gekämpft, um die Welt vom deutschen und italienischen Faschismus sowie vom japanischen Großmachtwahn zu befreien. Die kriegführenden Mächte missbrauchten darüber hinaus Millionen Kolonisierte als Zwangsarbeiter und Zwangsprostituierte. Weite Teile der Dritten Welt blieben nach Kriegsende verwüstet zurück. Diese Tatsachen werden in Europa weitgehend ausgeblendet und verschwiegen. Die außereuropäische Geschichte gilt als unwichtig. Mit dieser Haltung haben die Autoren der Ausstellung, das Rheinische JournalistInnenbüro (Köln) und der Verein Recherche International, gebrochen.
Die Ausstellung wurde im Foyer der Bergischen VHS in Wuppertal-Barmen präsentiert und behandelt das Thema Dritte Welt und Zweiter Weltkrieg mit allen seinen verschiedenen Schwerpunkten und Sichtweisen – auf Bildtafeln, auf Landkarten, auf Videoscreens und an Hörstationen. Die betroffenen Menschen aus den Drittweltländern, zurzeit des Zweiten Weltkriegs größtenteils noch eroberte Kolonien, kommen ausführlich zu Wort und bekommen durch zahlreiche Fotos ein Gesicht.
Nach einer gelungenen Ausstellungseröffnung durch den Kurator Karl Rössel vom Rheinischen JournalistInnenbüro (Köln) und die kongolesisch-deutsche Band Lopango ya Banka mit über 100 Besuchern war das Interesse an der Ausstellung über den gesamten Austellungszeitraum außerordentlich hoch. Aufgrund der langen Öffnungszeiten konnten viele Interessierte einen gezielten Ausstellungsbesuch wahrnehmen. Durch die Platzierung der Ausstellung an einem öffentlichen Raum, dem Eingangsbereich der Bergischen VHS in Wuppertal-Barmen, konnten zudem viele Bürger en passant auf die Ausstellung aufmerksam werden und für das Thema »Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg« interessiert werden. Darüber hinaus konnten wir 25 Führungen durch die Ausstellung organisieren, in denen stets die Möglichkeit bestand, mit den Teilnehmern ins Gespräch zu kommen. Da die Führungen insbesondere von Schulklassen genutzt wurden, konnten wir hier auch pädagogisch wirken und zur Auseinandersetzung mit eurozentristischen Sichtweisen und dem problematischen Blick von »uns« auf »die Anderen« anregen.
Die Ausstellung wurde von einer 16-seitigen Broschüre und einem Rahmenprogramm begleitet, welches an verschiedenen Orten des Wuppertaler Stadtgebiets stattfand. In der Begegnungsstätte Alte Synagoge hielt Prof. Dr. Astrid Messerschmidt einen Vortrag zu Kolonialismus und Nationalsozialismus als Erinnerungsaufgaben einer multikulturellen Gesellschaft; in der Alten Feuerwache Elberfeld gab es eine Filmvorführung und eine Fotopräsentation zu den sogenannten Trostfrauen, in der die Geschichte der Zwangsprostituierten des japanischen Militärs und deren anschließendes Ringen um die Zurückerlangung ihrer Würde thematisiert wurden.
Ebenfalls in der Alten Feuerwache gelang mit der ungewohnten Veranstaltungsform einer offenen Gesprächsrunde mit Live-Musik (von Lopango ya Banka) eine anregende Diskussion zur Aktualität des Kolonialismus und zur teils sehr persönlichen Frage, inwieweit kolonialistische Strukturen auch heute noch unser Denken beeinflussen. Die Diskussion wurde von den Teilnehmern vor allem deshalb als bereichernd empfunden, da durch die Zusammensetzung der Teilnehmer ein interkultureller und gegenseitig wertschätzender Austausch möglich wurde.
Ein besonderes Erlebnis war zudem die Filmvorführung des algerischen Antikriegsfilms »Tage des Ruhms« in einem Jugendzentrum in Wuppertal-Vohwinkel. Der Film über das Schicksal von vier algerischen Kolonialsoldaten in der französischen Armee beeindruckte die meist jugendlichen Besucher sehr, sodass sie im Anschluss engagiert über das Gesehene debattierten und Anknüpfungspunkte zu ihrer Situation als Bewohner eines Stadtviertels mit hoher Migrationsbevölkerung herstellen konnten.
Allgemeine Informationen zur Ausstellung finden sich unter www.3www2.de; die Veranstaltungsbroschüre kann hier heruntergeladen werden.
Unabhängigkeit in der Schwebe. Wuppertaler Lateinamerika-Tage 2010
(Wuppertal | 20.11. – 12.12.2010)
Vom 20.11. bis 12.12. beteiligte sich die Stiftung W. an den Wuppertaler Lateinamerika-Tagen, welche federführend vom Informationsbüro Nicaragua organisiert wurden. Weitere Kooperationspartner waren die Alten Feuerwache, das Autonome Zentrum, die Bergische VHS, der Mare e.V., das Kulturbüro der Stadt Wuppertal und der Kunst- und Kulturverein Rakete. Unter dem Titel »Unabhängigkeit in der Schwebe« gab es ein anspruchsvolles Programm von Vorträgen, Filmen, Workshops, Konzerten, szenischen Lesungen und mehr, in denen die aktuellen politischen Entwicklungen und sozialen Bewegungen in den Ländern Lateinamerikas beleuchtet wurden. Die Entwicklung Lateinamerikas in der globalen Welt wurde dabei im Spannungsfeld von Souveränität, Emanzipation und neuer Dependenz verortet. Hierbei zeigte sich, dass in Lateinamerika nach wie vor viele emanzipatorische und basisdemokratische Bewegungen und Ansätze existieren, die unsere Solidarität herausfordern (www.wuppertaler-lateinamerikatage.de).
Die Stiftung W. übernahm im Rahmen der Lateinamerika-Tage vornehmlich die Organisation und Durchführung des Thementags »Energie und Klimawandel«, der am 11.12.2010 in der Bergischen VHS stattfand. Hier berichtete zum einen Sylvia Borbonus vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie über die Ergebnisse der (offiziellen) Weltklimakonferenz in Cancún (Mexiko). Zum anderen stellte Nino David Jordan von der attac AG Energie-Klima-Umwelt den Prozess im Anschluss an die alternative Klimakonferenz der Basisbewegungen von Cochabamba (Brasilien) vor. Hierbei ging es konkret um die Forderungen der globalen Klimagerechtigkeitsbewegung und wie diese umzusetzen seien. Durch die Gegenüberstellung der Positionen und Politikansätze des Wuppertal Instituts und von attac ergab sich eine spannende Diskussion, welche allerdings auch deutlich machte, dass die Debatte(n) um Klimagerechtigkeit sich stark ausdifferenziert haben und weit davon entfernt sind, allgemeingültige Lösungen zu entwickeln.
2. Einzelveranstaltungen
Gewalt und Widerstand. Die Bedeutung des Konflikts zwischen Albert Camus und Frantz Fanon für soziale Bewegungen heute (Wuppertal | 25./26.06.2010)
Aufgrund der großen Resonanz und offen gebliebener Fragen während der Albert-Camus-Tage entschlossen wir uns, eine Folgeveranstaltung zu organisieren, in der der ausgewiesene Camus-Experte Lou Marin (Marseille) die unterschiedlichen Positionen von Albert Camus und Franz Fanon in Bezug auf den algerischen Befreiungskampf zum Anlass nahm, über die Ausrichtung, das Politikverständnis und das Verhältnis zur Gewalt heutiger sozialer Bewegungen nachzudenken. Nach einem fakten- und kenntnisreichen Vortrag, der letztlich für das Postulat der Gewaltfreiheit argumentierte, entwickelte sich eine nachdenkliche Diskussion über die Frage, welche Politikformen zu welchen historischen Bedingungen legitim sind und welche nicht. In einer Diskussionsmatinee am folgenden Tag wurde diese Fragestellung vertieft und insbesondere danach gefragt, wie zu verhindern sei, dass soziale Bewegungen im Zeitverlauf bezüglich ihrer Vorgehensweisen und Strukturen dem immer ähnlicher werden, was sie bekämpfen.
Hitlers afrikanische Opfer. Die Massaker der Wehrmacht an schwarzen französischen Soldaten (Wuppertal | 24.09.2010)
In Ergänzung zu der viel beachteten Ausstellung und Veranstaltungsreihe »Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg« nutzten wir in Kooperation mit der Bergischen VHS und dem Verein Recherche International aus Köln die Gelegenheit, den Historiker Raffael Scheck (Colby College Waterville, Maine, USA) zur Präsentation seines neuen Buches »Hitlers afrikanische Opfer« einzuladen. Scheck relativierte in seinem Vortrag die weitverbreitete These, nach der die Offensive der Wehrmacht von 1940 in Frankreich eine relativ zivilisierte Angelegenheit gewesen sei, in welcher sich die Deutschen an das Kriegsrecht hielten und ihre Gegner mit Respekt behandelten. Er wies demgegenüber nach, dass die Offensive in Frankreich ein Schritt in Richtung Barbarisierung des Krieges war und somit die Legende des »sauberen Westfeldzugs« nicht haltbar sei. In der anschließenden Diskussion gelang es, Bezüge zur Gegenwart und hier insbesondere zur aktuellen Flüchtlingspolitik herzustellen, ohne dabei historische Vergleiche überzustrapazieren.
3. Externe Förderung
Kongress der Bundeskoordination Internationalismus (Tübingen | 13. – 16.05.2010)
Zum 33. Mal konnte in diesem Jahr die Bundeskoordination Internationalismus (BUKO), in der wir Mitglied sind, ihren Jahreskongress veranstalten, der vom 13. – 16. Mai in Tübingen stattfand. Unter dem Titel »Nach den Sternen greifen« bearbeitete er die Prozesse globaler Enteignung angesichts fortschreitender Globalisierung und Privatisierung und debattierte über Gegenstrategien kollektiver Aneignung, über solidarische Praxen der Selbstverwaltung, des Teilens und des Schenkens. Über das konkrete Thema hinausgehend war der Kongress abermals Treffpunkt für Hunderte politisch interessierte und engagierte Menschen und bot Gelegenheit für viele weiterführende Kontakte. Die Stiftung W. unterstützte den Kongress durch eine Spende an den Trägerverein der BUKO, den Verein zur Förderung entwicklungspolitischer Zusammenarbeit. Weitere Infos zum Kongress und der Bundeskoordination Internationalismus unter: www.buko.info.
4. Ausblick
Die Stiftung W. trifft sich zu Beginn des nächsten Jahres zu einer zweitägigen Klausurtagung in Düsseldorf, in der sie Ideen für die weitere Stiftungsarbeit diskutiert und eine Jahresplanung macht. Gleichwohl sind schon einige Veranstaltungen für 2011 fest eingeplant. Im Frühjahr werden wir einen Workshop zum Thema »Critical Whiteness« anbieten, bei dem das Thema Rassismus einmal nicht mit Blick auf »die Anderen« behandelt wird, sondern unser Selbstverständnis als normsetzende Weiße, unser Weißsein, im Mittelpunkt steht. Des Weiteren haben wir in Kooperation mit der Wuppertaler Kurzzeitpflegeeinrichtung Honigstal eine Veranstaltung zu menschenwürdiger Pflege mit dem Autor Claus Fussek geplant, organisieren eine Diskussionsveranstaltung mit der sozial engagierten New Yorker Hip-Hop-Gruppe Rebel Diaz und bereiten eine Veranstaltung vor, die erneut die europäische Flüchtlingspolitik in den Fokus nimmt.
Wuppertal, 31.12.2010
Der Jahresbericht kann hier als pdf-Dokument heruntergeladen werden.

