Schon die Frage mag irritieren – gibt es denn mehr als die eine Wirklichkeit? Und lässt sich Wirklichkeit tatsächlich wollen und gestalten, ist sie nicht vielmehr zumeist einfach hinzunehmen? Und wo, bitteschön, gäbe es denn heute noch dieses »Wir«, das andere Wirklichkeiten wollen könnte?
Niemand wird Veränderung leugnen. Doch scheint es sie allein in den festgefügten Bahnen von Fortschritt und Entwicklung zu geben. Der Ausdruck Globalisierung deutet an, dass im Zuge dieser Veränderung auch weiterhin die vielen womöglich möglichen der einen Wirklichkeit werden weichen müssen: jener der hochvernetzten, computerisierten und durch die westliche Kultur geprägten »Weltgesellschaft«. Jenseits dieser Entwicklungslinie, so scheint es, liegt nur noch Barbarei, Genozid, »ethnische Säuberung«, religiöser Fundamentalismus und internationaler Terrorismus. Und die Angst vor dem barbarischen `Abgrund´ hält dann auch jene zuverlässig bei der (Fahnen-) Stange, welche vielleicht doch nicht so restlos davon überzeugt sind, dass wir »MetropolenbürgerInnen« tatsächlich in der besten aller (denk- und erreichbaren) Welten leben.
Die so entstehende Mischung aus Furcht und Überzeugung ist typisch für jedes religiös fundierte Zwangssystem. Und dennoch: Wie jeder Kreuzzug, so ruft auch der im Namen von Ver-nunft, Marktwirtschaft und Demokratie auftretende westliche Dominanzanspruch Widerstände unterschiedlichster Schattierungen und Ideen auf den Plan : Seattle und Genua waren keine Einzelereignisse. Und natürlich melden sich auch wieder jene `KirchenreformerInnen´, die gegen ihre (Staats-)Oberen ganz verwegen die wahre Vernunft, die gerechte Marktwirtschaft, die echte Demokratie ins Felde führen.
Es mag zu Irritationen führen, wenn wir zu behaupten wagen, dass Gewalt, Elend und Herrschaft in der Welt sich eben nicht einem Zuwenig, sondern vielmehr einem Zuviel an Vernunft, Marktwirtschaft und Demokratie verdanken, dass Barbarei und Terrorismus in manchen »peripheren« Ländern des Weltsystems nicht den Überrest uralter Bräuche und Traditionen, sondern spezifisch moderne – und zwar hochmoderne – Phänomene darstellen. Und deshalb gilt es, andere Wirklichkeiten zu wollen, zu suchen und zu erfinden, und sie den alles beherrschenden Bildern entgegenzustellen.
So erfahren und empfinden wir immer wieder, dass mit der Wirklichkeit um uns herum wir selbst als Individuen zuallererst durch die herrschende westliche Vernunft- und Warenreligion geschaffen wurden und werden. Um jedoch weiterhin »das System« von außen anprangern zu können, müssten wir im Stande sein, uns buchstäblich neben uns selbst zu stellen. Denn die kritische Infragestellung zugeschriebener und zuschreibender Identität (Stichwort RasseKlasseGeschlecht) führte nun einmal nicht zu einer viel beschworenen politisch korrekten wahren Identität, sondern zur Dekonstruktion von Identitäten überhaupt, der eigenen eingeschlossen. Das Dilemma ist seither deutlich gewachsen: auf der einen Seite alles in Frage stellen zu müssen und gleichzeitig auf keine festen Gründe mehr bauen zu können, auf der anderen Seite aber – auch an den Facetten der eigenen Identität – kaum etwas ändern zu können, während es gleichzeitig die neu zu (er-)findenden Bilder und Wirklichkeiten auf irgendetwas zu gründen gilt.
Die Stiftung W. will Menschen versammeln, für die diese schwieriger gewordene Konstellation leb- und vorstellbarer Systemkritik in der einen oder anderen Weise den Ausgangs-, und nicht den resignativen Endpunkt ihrer gesellschaftsverändernden Hoffnungen und Bemühungen markiert. Diese hoffen wir auch jenseits der festgezurrten Bahnen dessen zu finden, was bislang als wahres politisches Engagement gegolten hat und nicht allzu selten die gesellschaftlichen Dimensionen anderer Wirkungsweisen vernachlässigt hat. Wer (be-)herrschende Wirklichkeit wirkungsvoll in Frage stellen möchte, kann es sich nicht länger leisten, an althergebrachten Grenzziehungen festzuhalten wie jenen zwischen Kultur und Politik, Sprache und Handeln, Alltag und Revolution.
Doch wie genau finden wir hier nun zu neuen und zeitgemäßen Verknüpfungen von (gemeinsamer) alltäglicher Praxis mit theoretischen Reflexionsprozessen und »politischer« Aktion? Neben den verschiedenen Fragen, Sehnsüchten und Visionen ist und bleibt bei dieser Suche unsere Unversöhnlichkeit gegenüber jeder Form von Herrschaft und Gewalt das uns verbindende Muster.
Übersicht zur ersten Exkursion
11.00 Ankunft und persönliche Begrüßung
11.30 Begrüßung und Vorstellung der Stiftung W.
Gelegenheit zum körperlichen Ankommen (moderiert von Monika Schäfer und Anna Kreikemeyer)
12.15 Einführung in das Exkursionsthema
12.30 Beitrag von Prof. Dr. Rommelspacher
Patriarchale Dominanzkultur als gesellschaftliche Wirklichkeit
Musikalisches Gedankenspiel von Partita Radicale
13.20 Beitrag von Renate Lorenz und Brigitta Kuster
sexuell arbeiten. grüne karte & leben in scheiss-hotels
Musikalisches Gedankenspiel von Partita Radicale
14.20 Pause mit Angeboten:
Klanginstallation
»Neue soziale Bewegungen und Solidarität. Ein akustischer Streifzug durch 40 Jahre Parolengeschichte«
Möglichkeit zur Selbstregulation/Entspannung (moderiert durch Monika Schäfer und Anna Kreikemeyer)
15.00 Beitrag Prof. Dr. Uwe Pörksen
Schaffen Reden die Wirklichkeit – ab?
Musikalisches Gedankenspiel von Partita Radicale
15.50 Beitrag Massimo Perinelli und Manuela Bojadzijev (Kanak Attak)
Eine andere Welt ist möglich. Kanak-Operaismus und das Ende des Antirassismus
Musikalisches Gedankenspiel von Partita Radicale
16.50 Abschlussdiskussion
18.00 Ende der Veranstaltung
Der Einladungsflyer kann hier als Pdf-Dokument heruntergeladen werden.

