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Mit ihnen ist das seit Jahrzehnten offensichtlich schmerzlich vermisste Identitätsgefühl nach Deutschland zurückgekehrt, und dank ihrer lebensfrohen Strahlkraft wird auch die lang ersehnte Versöhnung mit der Nation endlich Wirklichkeit. Zugleich sind sie ungeheuer praktisch und bieten viele Anwendungsmöglichkeiten. So dienen sie zum Beispiel in Form unterschiedlichster Kopfbedeckungen zur Erwärmung eines oftmals längst überflüssigen Körperteils, oder aber zur Herstellung höchst nützlicher Alltagsgegenstände, wie Plastikeinkaufsbeutel und Frottee-Handtücher.
Ermutigt durch das augenscheinlich für viele Mitmenschen euphorisierende Gemeinschaftserlebnis der vergangenen Fußball-WM, versuchen uns das politische Personal und die staatstragenden Medien seit Monaten mittels penetranter Dauerberieselung davon zu überzeugen, dass Patriotismus, Heimat und Nation elementare Lebensinhalte und unverzichtbare Daseinswerte sind.
Inhalte und Werte, die auch wir Deutsche endlich unbeschwert goutieren sollen, zumal die unsagbaren Verbrechen im lang lang zurückliegenden Dritten Reich lediglich im deutschen Namen geschahen, und bereits mehr als einmal von führenden Historikern und Literaten abschließend aufgearbeitet wurden.
Sogar die bedeutendsten der kritischen Geister (bekannt aus Illustrierten, den einschlägigen talk-shows sowie von zahlreichen Unterschriftslisten) fügen sich gerne der Überzeugungskraft einer derartigen Argumentation, stimmen ein in den patriotischen Chor und preisen die Vorteile und das sinnliche Vergnügen eines unverkrampft hingebungsvollen Umgangs mit Nation und Vaterland.
Doch halt: Unterstellt, dass wir unterstellen müssen, dass heutzutage (genauso wie in früheren Zeiten) nichts Bedeutendes ohne machtpolitischen Grund geschieht, scheint es höchste Zeit sich mal kurz von der schwarz rot goldenen Gehirnblockade zu befreien und darüber nachzudenken, welche Motive die Patriotismus Protagonisten an- und umtreiben könnten, außer den lustbetonten und unbeschwert fröhlichen.
Ist es möglich, dass folgende Tatsachen eine entscheidende Rolle spielen: - Die Gesellschaft driftet mehr denn je auseinander. Der Wohlstand verteilt sich auf immer weniger Menschen. Parallel dazu geraten täglich mehr in dauerhaft prekäre Lebensverhältnisse, und eine wachsende Zahl hangelt kontinuierlich entlang der Armutsgrenze. Sofern noch von Sozialstaat gesprochen wird, ist dies stets mit Reduzierung, Opfern und Einschnitten
verbunden. Könnte es da sein, dass das politische Personal und die Eliten in Wirtschaft und Gesellschaft Protest vorbeugend daran interessiert sind, mit einem rundum erneuerten, sexy Patriotismus, Sinnes- und Sinnlichkeitslücken zu füllen, sowie bedauerliche Einzelschicksale mit dem Verweis auf die übergeordnete Bedeutung des nationalen Gesamtprojektes zu relativieren (in dem patriotisch benebelten Bewusstsein, wertvolles Mitglied einer solidarischen Wertegemeinschaft zu sein, erträgt sich das eigene Elend leichter). - Deutsche Soldaten verteidigen unsere ökonomischen und ideologischen Spiel- und Freiräume schon jetzt weltweit; weitere Einsätze inklusive einer kontinuierlichen Steigerung der Mortalitätsraten bei „unseren“ soldatischen Mädels und Jungs sind absehbar. Darf vermutet werden, dass neu erweckte patriotische Gefühle es künftig deutlich erleichtern, die übergeordnete Sinnhaftigkeit, ja sogar unbedingte Notwendigkeit derartiger Einsätze zu vermitteln (bis hin zur weltweiten militärischen Sicherung unserer ökonomischen, um nicht zu sagen, imperialistischen Interessen). Dies erst recht, seit die herausragenden empathischen und moralischen Qualitäten des deutschen Patriotismus durch zahlreiche internationale Verbrüderungszenen bei der Fußball- WM bewiesen wurden, und uns die langjährige Einbettung in die westliche Wertegemeinschaft wirksam vor dem Wiederaufleben eventuell doch noch nicht vollständig entsorgter nationaler Unarten schützt. Die Nation, die weltweit selbstloser die Menschenrechte verteidigt als wir möchten wir sehen.
- Die deutschen Grenzen werden dicht und dichter. Dennoch hier lebende Ausländer werden strenger denn je beobachtet und müssen mindestens einmal pro Woche öffentlich die einmaligen Qualitäten des deutschen Grundgesetzes loben, wollen sie sich nicht verdächtig machen. Wer nicht deutsch betet, und wer nicht mehr historische und geographische Grundkenntnisse besitzt als Otto Normaldeutscher muss sich ran halten oder läuft Gefahr, raus geflogen zu werden. Multikulti ist im Konsens als Illusion entlarvt, jetzt ist Eindeutigkeit gefragt. Ist es in einer solchen Situation für das politische Personal nicht sehr beruhigend und hilfreich, wenn es bei seinen rigiden bis unmenschlichen Domestizierungs- sowie Ab- und Ausschubmaßnahmen auf den wieder erstarkten Patriotismus seiner Arbeitgeber bauen kann? Schließlich versteht jeder Patriot, dass der wirksame Schutz der nationalen Werte gelegentlich auch drastische Schritte erfordert.
- Die terroristische Bedrohung ist allgegenwärtig. Schon lange ist ein Koffer viel mehr als ein Koffer und jederzeit kann in unserer direkten Nachbarschaft der ein oder andere Muslim explodieren. Was kann da besser sein, als heftiges patriotisches Zusammenrücken? Erleichtert es doch, sich jeder Einschränkung der persönlichen Freiheiten freudig zu fügen und gern zu akzeptieren, dass der aufrechte, patriotische Deutsche weder was zu verbergen noch was zu verlieren hat (außer seinem wertorientierten Leben). Angesichts der Bedrohung ist es selbstverständlich, dass wir Patrioten ab sofort Tag und Nacht die Augen aufhalten und uns zu unserem Schutz nichts sehnlicher wünschen, als schnellstmögliche flächendeckende Videoüberwachung aller Menschen, Muslime und Koffer. Sehr beruhigend sind auch die biometrischen Daten in jedem Pass sowie das Wissen um das wachsende Misstrauen unserer Mitmenschen.
- Die Vertriebenen sind lautstärker denn je. Dank jahrzehntelanger volkstümlicher Penetranz, Uneinsichtigkeit und Geschichtsklitterung scheint es ihnen nun doch noch gelungen zu sein, Ursache und Wirkung erfolgreich zu trennen und sich scheinbar gleichberechtigt einzureihen in die lange traurige Reihe der unschuldigen Opfer von Verfolgung, Massenmord und Vertreibung. Ist es da nicht ein naheliegender Gedanke, dass sie und ihre Förderer in Politik und Gesellschaft es sehr begrüßen würden, wenn sich ihnen nun auch die Jünger eines neu erwachten, fröhlichen Patriotismus unverkrampft zugesellen und dazu beitragen, die Fragwürdigkeit der ewig gestrigen Äußerungen und Ansprüche der Vertriebenenverbände wirksam zu kaschieren.
An dieser Stelle höre ich auf. Für den Fall, dass trotz meiner vorstehenden Bemühungen noch nicht klar geworden ist, was ich eigentlich sagen wollte, zum Schluss der Versuch einer kurzen, resümierenden Schlussbemerkung: Patriotismus ist so notwendig wie Fußpilz und so gefährlich wie Dummheit. Wer bei sich erste Anzeichen feststellt, sollte sich schnell in die Obhut eines Arztes begeben oder zumindest Mitglied einer Selbsthilfegruppe werden. Sollte es erforderlich sein, erst noch eine zu gründen, schlage ich den Namen „Braunes Kreuz“ vor.
Michael Lieberoth-Leden Oktober 2006 |